Projektion in Beziehungen: Wenn der Partner zur Leinwand wird

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Ein Paar sitzt schweigend am Küchentisch, an der Wand hinter ihnen streiten ihre Schatten.

Der Streit, der nicht um das Thema geht

Sie hat vergessen, Brot zu kaufen. Er sagt nichts, räumt aber die Küche mit einer Gründlichkeit auf, die lauter ist als jeder Satz. Eine Stunde später streiten beide darüber, wer in dieser Beziehung eigentlich an alles denkt, wer sich nie verlassen kann, wer immer allein dasteht. Am Ende ist keiner mehr sicher, wie man vom Brot hierher gekommen ist.

Jedes Paar kennt solche Szenen. Das Beispiel ist erfunden, aber ich höre Varianten davon ständig. Das Auffällige daran ist nicht der Streit selbst, sondern sein Missverhältnis. Der Anlass ist klein, die Reaktion ist groß. Dieses Missverhältnis ist ein erster Hinweis darauf, dass im Raum mehr verhandelt wird als das, worüber gerade gesprochen wird.

Die Psychologie hat für einen wesentlichen Teil dieses Überschusses einen Namen: Projektion.

Was Jung damit meinte

Projektion bedeutet im Kern, dass wir etwas Eigenes außen wahrnehmen, als gehöre es dem anderen. Freud hat den Begriff eingeführt, aber es war Carl Gustav Jung, der ihn für Beziehungen fruchtbar gemacht hat. Für Jung ist Projektion kein bewusster Trick und keine Charakterschwäche. Sie geschieht unwillkürlich. Man macht keine Projektion, man findet sie vor, schon fertig, in der eigenen Wahrnehmung des anderen.

Besonders wirksam wird sie dort, wo Jung vom Schatten spricht. Der Schatten umfasst alles, was wir an uns selbst nicht sein wollen: die Bequemlichkeit, die wir uns verbieten, die Wut, die nicht zu unserem Selbstbild passt, die Bedürftigkeit, die wir für Schwäche halten. Diese Anteile verschwinden nicht, nur weil wir sie nicht ansehen. Sie tauchen wieder auf, und zwar im Gesicht der Menschen, die uns am nächsten sind.

Daraus ergibt sich eine unbequeme Faustregel. Was mich am anderen unverhältnismäßig empört, lohnt einen zweiten Blick nach innen. Nicht jede Kritik ist Projektion. Der Partner kann tatsächlich unzuverlässig sein. Aber wenn die Empörung eine eigentümliche moralische Schärfe hat, wenn sie mehr nach Abrechnung klingt als nach Ärger, dann spricht einiges dafür, dass hier auch ein eigenes Thema mitspricht.

Jung beschreibt noch eine zweite, freundlichere Form: die Projektion von Anima und Animus, also eines inneren Bildes vom Gegenüber, das wir in uns tragen, lange bevor wir dem konkreten Menschen begegnen. Verliebtheit ist aus dieser Sicht zu einem guten Teil das Wiedererkennen dieses Bildes im anderen. Deshalb fühlt sie sich so schicksalhaft an, so vertraut, so sicher. Und deshalb folgt auf die erste Phase häufig Ernüchterung. Sie ist nicht das Ende der Liebe, sondern der Moment, in dem das Bild zu verblassen beginnt und der wirkliche Mensch dahinter sichtbar wird. Ob eine Beziehung trägt, entscheidet sich häufig genau an dieser Stelle.

Wenn der andere die Rolle annimmt

Bis hierher klingt Projektion wie ein Vorgang, der sich nur im Kopf des Projizierenden abspielt. Das wäre vergleichsweise harmlos. Die Psychoanalyse beschreibt für Paarbeziehungen jedoch einen weitreichenderen Vorgang, die projektive Identifikation. Es handelt sich um ein Erklärungsmodell, nicht um einen Messbefund, aber um eines, das in der Paartherapie erstaunlich viel erhellt.

Melanie Klein hat den Begriff 1946 geprägt. Henry Dicks übertrug ihn in den Sechzigerjahren auf Ehepaare, Thomas Ogden präzisierte ihn Ende der Siebzigerjahre als zwischenmenschlichen Vorgang, und Jürg Willi hat mit seinem Konzept der Kollusion eine verwandte Idee für den deutschsprachigen Raum geprägt. Der entscheidende Unterschied zur einfachen Projektion ist folgender: Das projizierte Bild bleibt nicht in der Vorstellung. Der andere beginnt, es tatsächlich zu verkörpern.

Wie das geht, zeigt das Brot-Beispiel. Er hat früh gelernt, dass man sich auf niemanden verlassen kann, und dieses Gefühl des Alleingelassenseins trägt er in sich. In der Beziehung erwartet er, enttäuscht zu werden, und er achtet mit großer Aufmerksamkeit auf jedes Anzeichen dafür. Er übernimmt vorsorglich alles selbst, kontrolliert, erinnert, ergänzt. Sie spürt die unausgesprochene Erwartung, dass sie ohnehin versagen wird, und zieht sich aus der Verantwortung zurück, halb aus Trotz, halb weil es ja sowieso erledigt wird. Nach einiger Zeit ist sie tatsächlich die Unzuverlässige. Sein inneres Bild hat sich in der äußeren Wirklichkeit eingerichtet, und er sieht sich bestätigt.

Das Tückische daran: Beide haben recht. Sie ist wirklich unzuverlässiger geworden. Er ist wirklich allein mit der Last. Aber keiner von beiden sieht, wie diese Wirklichkeit entstanden ist. Deshalb führen solche Streits so selten zu einer Lösung. Jeder bringt Beweise, und die Beweise stimmen.

Das Modell kann erklären, warum sich viele Paare in immer gleichen Mustern festfahren, und warum Ratschläge zur besseren Kommunikation dabei so wenig ausrichten. Das Problem ist nicht, dass die beiden nicht miteinander reden können. Das Problem ist, dass sie in Rollen sprechen, die keiner von beiden gewählt hat.

Was die Literatur schon wusste

Max Frisch hat in seinem Tagebuch 1946 bis 1949 eine der klarsten Beschreibungen dieses Vorgangs hinterlassen, unter der Überschrift „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Frisch nimmt das biblische Gebot und wendet es auf die Liebe an. Sein Gedanke: Solange wir lieben, lassen wir den anderen offen, unfertig, überraschend. Sobald wir uns ein fertiges Bild von ihm machen, hören wir auf zu lieben. Und mehr noch: Das Bild wirkt auf den anderen zurück. Wir sind, so Frisch sinngemäß, mitschuldig an dem, was der andere wird, weil wir ihm unser Bild von ihm entgegenhalten, bis er ihm entspricht.

Das ist, in der Sprache eines Schriftstellers, fast genau die projektive Identifikation, formuliert lange bevor die Psychoanalyse den Vorgang systematisch auf Paarbeziehungen bezog. Frisch hat das Thema in seinen Romanen immer wieder durchgespielt, am deutlichsten in „Stiller“, dessen Held sich weigert, der Mensch zu sein, für den ihn alle halten.

Die Gegenfigur stammt aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts. Emma Bovary, die Heldin von Gustave Flauberts Roman, hat als junges Mädchen romantische Romane verschlungen. Sie heiratet einen braven Landarzt und wartet darauf, dass die Ehe sich so anfühlt wie in ihren Büchern. Als das nicht geschieht, sucht sie das Bild bei anderen Männern, bei einem Gutsbesitzer, bei einem Notariatsgehilfen. Jedes Mal projiziert sie die Romanfigur auf einen wirklichen Menschen, jedes Mal zerbricht das Bild an der Wirklichkeit, und am Ende zerbricht sie selbst.

Der Philosoph Jules de Gaultier hat daraus sogar einen Begriff gemacht: Bovarysmus, die Neigung, sich und andere für etwas zu halten, was sie nicht sind. Flaubert zeigt die Projektion von ihrer tragischen Seite. Emma sieht nie einen der Männer, die sie liebt. Sie sieht nur die Leinwand, auf die sie ihr Leben lang denselben Film geworfen hat.

Zwischen Frisch und Flaubert liegt das ganze Spektrum. Frisch beschreibt, was wir dem anderen antun, wenn wir uns ein Bild machen. Flaubert beschreibt, was wir uns selbst antun.

Woran man es bei sich selbst merkt

Projektion ist leicht beim anderen zu erkennen und schwer bei sich selbst. Das liegt in der Natur der Sache: Was projiziert wird, fühlt sich nicht an wie ein eigener Anteil, sondern wie eine Tatsache über den anderen. Trotzdem gibt es drei Anzeichen, die sich im Alltag bewährt haben.

Das Missverhältnis. Die Reaktion ist deutlich stärker, als der Anlass rechtfertigt. Wer nach einer vergessenen Besorgung über den Charakter des anderen urteilt, reagiert vermutlich auf etwas Älteres als diese Besorgung.

Die Wiederholung. Das gleiche Muster taucht bei verschiedenen Partnern auf. Wenn man in jeder Beziehung irgendwann der Einzige ist, der sich kümmert, oder immer wieder an Menschen gerät, die einen kontrollieren, dann spricht vieles dafür, dass nicht nur die Partner diese Rollen mitgebracht haben.

Die Gewissheit. Man weiß ganz genau, warum der andere etwas getan hat. Nicht vermutet, sondern weiß. „Das hat sie absichtlich gemacht.“ „Dem ist das doch egal.“ Diese Sicherheit über das Innenleben eines anderen Menschen sollte misstrauisch machen. Oft liest man in diesem Moment das eigene Innenleben.

Keines dieser Zeichen beweist etwas. Aber jedes ist ein Anlass, innezuhalten.

Was keine Projektion ist

Ein Text wie dieser lässt sich missbrauchen, und zwar in beide Richtungen. „Du projizierst doch nur“ ist in Paarstreits ein beliebter Satz, weil er jede Kritik mit einem Fachbegriff entwertet. Und wer zu Selbstzweifeln neigt, kann aus demselben Gedanken schließen, das eigene Unbehagen sei grundsätzlich eingebildet.

Beides ist falsch. Abwertung, Täuschung, Grenzverletzungen und dauerhafte Unzuverlässigkeit sind keine Projektionen, sondern Tatsachen der Beziehung. Auch die stärkste Reaktion kann schlicht angemessen sein. Die Frage nach der Projektion ist ein Werkzeug der Selbstprüfung. Gegen den Partner gerichtet, wird sie selbst zur Projektion.

Die Rücknahme

Jung sprach davon, dass man Projektionen zurücknehmen kann. Das bedeutet nicht, den anderen freizusprechen oder das eigene Erleben für eingebildet zu erklären. Wer in einer Beziehung tatsächlich allein gelassen wird, soll das benennen dürfen.

Die Rücknahme ist bescheidener und zugleich wirksamer. Sie besteht in einer einzigen Frage, die man sich stellt, bevor man die nächste Anklage formuliert: Welcher Teil dieser Szene gehört mir?

Manchmal ist die Antwort: fast nichts. Häufiger ist sie überraschend groß. Und dann geschieht oft etwas Bemerkenswertes. Sobald einer der beiden seinen Anteil zurücknimmt, verliert die Rolle für den anderen ihren Zwang. Das Muster wird schwächer, nicht weil jemand es durchschaut und erklärt hätte, sondern weil einer aufgehört hat, den Film zu projizieren. Die Leinwand wird wieder zum Menschen.

Frisch hätte wohl gesagt: Man lässt den anderen wieder unfertig sein. Das ist anstrengender als ein fertiges Bild. Aber es ist die Voraussetzung dafür, dass man einem wirklichen Menschen begegnet und nicht dem eigenen Schatten.

Vom Gedanken zur Beobachtung

Eine Projektion löst sich selten durch einen einzigen Moment der Einsicht. Aufschlussreicher ist, was sich über Wochen zeigt: welche Menschen, welche Eigenschaften, welche Situationen immer wieder eine auffällig starke Reaktion auslösen. Dort beginnt systematische Selbstbeobachtung.

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Kurz beantwortet

Was ist Projektion in Beziehungen?

Projektion bedeutet, eigene, oft ungeliebte Anteile unbewusst im Partner wahrzunehmen, als gehörten sie ihm.

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Typisch ist eine Reaktion, die deutlich stärker ausfällt, als der Anlass rechtfertigt.

Was ist projektive Identifikation?

Ein psychoanalytisches Modell, nach dem der Partner das projizierte Bild nicht nur zugeschrieben bekommt, sondern es mit der Zeit tatsächlich zu verkörpern beginnt.

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Es erklärt, warum Paare sich in festen Rollenmustern verfangen.

Woran erkenne ich Projektion bei mir selbst?

An drei Zeichen: einer unverhältnismäßigen Reaktion, einem Muster, das sich über mehrere Beziehungen wiederholt, und einer auffälligen Gewissheit über die Motive des anderen.

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Keines davon ist ein Beweis, jedes ist ein Anlass zur Selbstprüfung.

Wie nimmt man eine Projektion zurück?

Mit der Frage, welcher Teil einer Konfliktszene zu einem selbst gehört, bevor man den anderen anklagt.

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Das entlastet den Partner von einer Rolle und schwächt eingefahrene Muster, ohne reale Probleme zu leugnen.

Literatur

  1. Carl Gustav Jung: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. Gesammelte Werke Bd. 9/II. Olten, Freiburg im Breisgau: Walter, 1976 (darin die Kapitel über den Schatten sowie Anima und Animus). Erstausgabe: Aion. Untersuchungen zur Symbolgeschichte, Zürich: Rascher, 1951.
  2. Melanie Klein: Notes on Some Schizoid Mechanisms. International Journal of Psycho-Analysis 27 (1946), 99–110.
  3. Henry V. Dicks: Marital Tensions. London: Routledge & Kegan Paul, 1967.
  4. Thomas H. Ogden: On Projective Identification. International Journal of Psycho-Analysis 60 (1979), 357–373.
  5. Jürg Willi: Die Zweierbeziehung. Reinbek: Rowohlt, 1975.
  6. Max Frisch: Tagebuch 1946–1949. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1950.
  7. Gustave Flaubert: Madame Bovary. 1857.
  8. Jules de Gaultier: Le Bovarysme. Paris: Mercure de France, 1902.

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