Inhaltsverzeichnis (11 Abschnitte)
- Die Mitbewohner stellen sich vor
- Die laute Mitbewohnerin
- Warum die Verliebtheit wieder auszieht
- Krach in der WG: Bindung gegen Lust
- Der Untermieter im Keller: Glaubenssätze
- Wenn der Rauchmelder losgeht: erst der Körper, dann die Worte
- Die Lust vom Balkon zurückholen
- Was bleibt
- Diesen Essay hören
- Kurz beantwortet
- Literatur
Wer liebt, wohnt nicht allein. In jedem Kopf, der sich auf einen anderen Menschen einlässt, teilen sich drei Mitbewohner eine Wohnung: die Lust, die Verliebtheit und die Bindung. Sie haben verschiedene Tagesrhythmen, verschiedene Vorlieben und, wenn man der Hirnforschung glaubt, sogar ihre eigene Chemie. Und sie sind sich selten einig.
Das Bild ist nicht nur hübsch ausgedacht. Die Anthropologin Helen Fisher hat 2002 zusammen mit Arthur Aron und Kollegen genau diese Dreiteilung beschrieben: drei eigenständige, aber miteinander verbundene Systeme im Gehirn, eines für das sexuelle Verlangen, eines für die romantische Anziehung zu einem bestimmten Menschen und eines für die langfristige Bindung. Wer verstehen will, warum so viele Beziehungen nach dem ersten Rausch zerbrechen und warum manche nach Jahrzehnten noch brennen, sollte diese Wohngemeinschaft kennen.
Ich habe über das Thema ein Buch geschrieben, Herzklopfen für die Ewigkeit. Hier geht es um den Kern daraus, geprüft an den Studien, auf die es sich stützt.
Die Mitbewohner stellen sich vor
Die Lust ist die Unkomplizierteste und zugleich die Unzuverlässigste. Nach Fisher hängt sie vor allem an den Sexualhormonen, den Östrogenen und Androgenen, und sie ist nicht besonders wählerisch: Sie hat sich entwickelt, um die Paarung mit irgendeinem passenden Partner in Gang zu bringen. Sie mag das Neue, das Unbekannte, ein bisschen Abstand. Gewohnheit langweilt sie.
Die Verliebtheit ist die Lauteste. Sie zieht ein, wenn es funkt, und von da an ist die Wohnung nicht wiederzuerkennen. Sie hat nur noch einen Menschen im Kopf, schläft wenig und schreibt Nachrichten zu Uhrzeiten, die sie später bereut. Als Aron, Fisher und Kollegen 2005 frisch Verliebte in den Hirnscanner legten und ihnen ein Foto des geliebten Menschen zeigten, reagierten vor allem dopaminreiche Regionen des Belohnungs- und Motivationssystems, dieselben Schaltkreise, die auch bei Verlangen und Sucht beteiligt sind. Das erklärt, warum sich die ersten Wochen wie ein Rausch anfühlen und warum man von diesem einen Menschen immer mehr will.
Die Bindung ist die Leiseste. Sie zieht unauffällig ein, oft bevor man es bemerkt, kocht Tee, bringt den Müll runter und sorgt dafür, dass man sich beim anderen sicher fühlt. Fisher verbindet sie vor allem mit den Botenstoffen Oxytocin und Vasopressin. Oxytocin wird gern verharmlosend Kuschelhormon genannt, treffender wäre Klebstoff. Die Forschergruppe um Ruth Feldman hat 2012 bei sechzig frisch verliebten Paaren das Oxytocin im Blut gemessen. Es lag deutlich höher als bei Singles. Sechs Monate später war es bei den Paaren, die noch zusammen waren, nicht gesunken. Und schon der Ausgangswert unterschied die Paare, die zusammenblieben, von denen, die sich in dieser Zeit trennten.
Die laute Mitbewohnerin
Die Verliebtheit hat eine Eigenart, die man messen kann, wenn man weiß, wonach man sucht. Die italienische Psychiaterin Donatella Marazziti untersuchte 1999 zwanzig Menschen, die sich in den vorangegangenen sechs Monaten verliebt hatten, und verglich sie mit Patienten mit Zwangsstörung und einer Kontrollgruppe. Gemessen hat sie die Dichte der Serotonin-Transporter an den Blutplättchen. Bei den Verliebten war sie ebenso niedrig wie bei den Zwangspatienten und deutlich niedriger als bei den übrigen Teilnehmern.
Mit diesem Befund muss man vorsichtig sein. Er sagt nicht, dass Verliebtheit eine Zwangsstörung ist, und auch nicht, dass Verliebten Serotonin fehlt. Er sagt, dass beide Zustände in einem einzigen Messwert übereinstimmen. Aber wer je verliebt war, kennt das Gedankenkreisen, das dazu passt.
Ein Beispiel: Emma und Julian lernen sich auf einer Party kennen, und ab dem nächsten Morgen hat Emma eine neue Mitbewohnerin, die keine Ruhe gibt. Emma liest jede Nachricht von Julian dreimal und fragt sich, warum er diesmal einen Punkt gesetzt hat statt eines Smileys. Bei der Arbeit kann sie sich kaum konzentrieren. Das ist keine Charakterschwäche. Ihr Gehirn ist in einem Ausnahmezustand, und es soll darin sein, lange genug, dass zwei Menschen aneinander hängen bleiben.
Warum die Verliebtheit wieder auszieht
Ein Ausnahmezustand kann nicht ewig dauern. Wer jahrelang so lebte wie Emma in diesen Wochen, würde seine Arbeit verlieren, seine Freunde vernachlässigen und irgendwann ausbrennen. Die laute Mitbewohnerin wird also leiser, und irgendwann packt sie ihre Kisten. Das ist kein Defekt, sondern Absicht.
Genau hier beginnt ein folgenreiches Missverständnis. Wenn die Verliebtheit auszieht, denken viele: Die Magie ist weg, also war es wohl doch nicht der Richtige. Sie halten die Abschiedsparty für das Ende der Wohngemeinschaft. Dabei hat die leise Mitbewohnerin längst den Mietvertrag unterschrieben.
Was aus ihr werden kann, hat die Neurowissenschaftlerin Bianca Acevedo 2012 gezeigt. Sie legte zehn Frauen und sieben Männer, die im Schnitt 21,4 Jahre verheiratet waren und angaben, ihren Partner noch intensiv zu lieben, in den Scanner. Zum Vergleich sahen sie Fotos eines engen Freundes, eines sehr vertrauten Bekannten und einer wenig vertrauten Person. Beim Partner reagierte dasselbe dopaminreiche Belohnungssystem wie bei Frischverliebten. Dazu kamen Regionen, die aus der Bindungsforschung bekannt sind, etwa von der Bindung zwischen Mutter und Kind.
Bei einem Paar wie Maria und Thomas, seit 25 Jahren verheiratet, ist die Verliebtheit nie ganz ausgezogen, sie kommt regelmäßig zu Besuch. Aber das Haus gehört inzwischen der Bindung. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Acevedo hat Paare ausgewählt, die sich selbst als intensiv verliebt beschrieben, also nicht jedes Langzeitpaar. Und der Scanner zeigt Aktivität, er misst kein Dopamin. Aber die Studie widerlegt die Annahme, dass Leidenschaft nach zwanzig Jahren zwangsläufig erlischt.
Was die Bindung im Alltag leistet, zeigt eine andere Studie. Der Psychologe James Coan legte 2006 verheiratete Frauen in den Scanner und kündigte ihnen Stromschläge an. Hielten sie dabei die Hand ihres Mannes, reagierten die Bedrohungsregionen ihres Gehirns schwächer, als wenn sie die Hand eines Fremden oder gar keine hielten. Am stärksten war der Effekt bei den Frauen, die ihre Ehe als besonders gut beschrieben. Der Partner ist in einer guten Beziehung also nicht nur jemand, den man mag. Er ist Teil der eigenen Stressregulation geworden.
Krach in der WG: Bindung gegen Lust
Und hier wird es heikel, denn die leise Mitbewohnerin und die Lust verstehen sich nicht besonders gut. Die Paartherapeutin Esther Perel hat das in Was Liebe braucht (im Original Mating in Captivity) beschrieben: Liebe sucht Nähe, Sicherheit und Verlässlichkeit. Begehren braucht ein wenig Abstand, Unbekanntes, das Gefühl, dass der andere nicht ganz und jederzeit verfügbar ist. Je gemütlicher die Bindung die Wohnung einrichtet, desto öfter gähnt die Lust.
Daraus ergibt sich die Frage, die fast jedes langjährige Paar kennt und kaum eines laut stellt: Wie begehrt man jemanden, mit dem man gerade die Steuererklärung gemacht hat? Fishers Modell gibt darauf eine nüchterne Antwort. Weil die drei Systeme getrennt sind, laufen sie nicht automatisch im Gleichschritt. Man kann einen Menschen tief lieben und trotzdem wenig Lust auf ihn haben. Das ist keine Schande und kein Beweis, dass etwas nicht stimmt. So ist die WG gebaut. Wer das weiß, hört auf, der Lust ihr Gähnen vorzuwerfen, und fragt stattdessen, was sie wieder wach machen könnte. Dazu gleich mehr.
Der Untermieter im Keller: Glaubenssätze
Manchmal scheitert die WG nicht an den drei Mitbewohnern, sondern an jemandem, den keiner eingeladen hat. Wenn die Biologie diese Architektur bei uns allen anlegt, warum gelingt sie so vielen Paaren nicht? Meine Antwort als Therapeut: Die Hardware ist vorhanden, der Fehler liegt meist in der Software. In Überzeugungen über Liebe, die wir mitbringen, oft aus der Kindheit oder aus früheren Verletzungen, und die im Hintergrund laufen wie ein Untermieter, der seit Jahren im Keller wohnt.
Markus etwa hat früh gelernt, dass Menschen gehen. Irgendwo in ihm steht der Satz: Am Ende werde ich sowieso verlassen. Solange die Verliebtheit laut ist, hört man den Untermieter nicht. Sobald sie leiser wird und echte Nähe entsteht, kommt er die Treppe hoch. Markus beginnt, Fehler an seiner Partnerin zu suchen, zieht sich zurück, provoziert Streit. Von außen sieht das aus wie Desinteresse. Von innen ist es Schutz: Wenn ich es selbst beende, kann mich niemand verlassen.
Solche Muster lösen sich nicht durch einen Vorsatz vor dem Spiegel. Markus braucht zuerst Hilfe, um sie überhaupt zu erkennen, und dann Wege, die Angst im Moment ihres Auftretens zu beruhigen. In meinem Buch beschreibe ich dafür unter anderem Klopftechniken aus der sogenannten Energiepsychologie, etwa EFT (Emotional Freedom Techniques). Nicht zu verwechseln mit der gleich abgekürzten Emotionsfokussierten Therapie, einem eigenständigen paartherapeutischen Verfahren von Leslie Greenberg und Sue Johnson; um sie geht es in diesem Selbsthilfe-Beispiel nicht. Ich weiß, wie esoterisch das für viele klingt, deshalb hier der Stand der Forschung: Eine Metaanalyse von Morgan Clond aus dem Jahr 2016 wertete 14 randomisierte Studien mit zusammen 658 Teilnehmern aus und fand eine deutliche Verringerung von Angst, auch im Vergleich zu den Kontrollgruppen. Sie stellte aber ebenso fest, dass es zu wenige Vergleiche mit etablierten Verfahren wie der kognitiven Verhaltenstherapie gibt. Wie das Klopfen wirkt, ist nicht abschließend geklärt. Plausibel ist diese Erklärung: Man setzt sich der Angst gedanklich aus und beruhigt zugleich den Körper. Über Meridiane muss man dafür nicht reden.
Wenn der Rauchmelder losgeht: erst der Körper, dann die Worte
Jede WG hat einen Rauchmelder, und in manchen ist er zu empfindlich eingestellt. Dann unterscheidet er nicht mehr zwischen verbranntem Toast und Wohnungsbrand, und die stehen gelassene Pfanne löst denselben Alarm aus wie eine echte Bedrohung.
Jeder Beziehungsratgeber sagt: Redet miteinander. Ich-Botschaften, aktives Zuhören. Das ist richtig, aber es hat eine Voraussetzung, die oft übersehen wird. Man muss in einem Zustand sein, in dem Worte überhaupt ankommen.
Erinnere dich an deinen letzten großen Streit. Der Puls rast, der Blick wird eng, jeder Satz des anderen klingt wie ein Angriff. Die Neurowissenschaftlerin Amy Arnsten hat zusammengetragen, wie schon milder, unkontrollierbarer Stress die Leistungen des präfrontalen Kortex rasch und deutlich einschränkt, also des Bereichs, der für Überlegung, Perspektivwechsel und Selbstkontrolle zuständig ist. Das liegt nicht an mangelnder Durchblutung, sondern an Signalwegen, die der Stress in den Nervenzellen selbst auslöst. Eine pädagogisch perfekte Ich-Botschaft erreicht dann niemanden mehr. Bei heulendem Rauchmelder hält auch niemand einen Vortrag über Brandschutz.
Deshalb halte ich zwei Werkzeuge für unterschätzt.
Das erste ist eine bewusste Pause. Nicht das eisige Schweigen, mit dem man den anderen bestraft; das gehört zu den zerstörerischsten Mustern, die die Paarforschung kennt. Sondern eine vereinbarte Unterbrechung: Wir hören jetzt auf, wir kommen darauf zurück. John Gottman, der Paare jahrzehntelang im Labor beobachtet hat, empfiehlt bei emotionaler Überflutung mindestens zwanzig Minuten. So lange braucht der Körper nach seinen Beobachtungen, um sich zu beruhigen. Wichtig ist, eine Uhrzeit für die Fortsetzung zu nennen, damit die Pause nicht wie ein Rückzug wirkt, und die Zeit nicht zu nutzen, um Argumente zu sammeln.
Das zweite ist Berührung. Die Psychologin Beate Ditzen hat 2007 67 Frauen in einen standardisierten Stresstest geschickt: eine Rede und Kopfrechnen vor einem strengen Gremium. Vorher verbrachten sie zehn Minuten mit ihrem Partner. Die einen bekamen von ihm eine Nacken- und Schultermassage, die anderen ermutigende Worte, eine dritte Gruppe hatte keinen Kontakt. Nach der Berührung fielen der Anstieg des Stresshormons Cortisol und der Herzfrequenz deutlich geringer aus. Bloßes Zureden half dagegen nicht. Dazu passen Coans Ergebnisse zur Hand des Partners. Eine ruhige, nicht fordernde Berührung sagt dem Nervensystem etwas, das Worte in diesem Moment nicht sagen können: Du bist sicher. Wie das biologisch genau abläuft, ist allerdings komplizierter als die beliebte Formel „Berührung schüttet Oxytocin aus, und Oxytocin blockiert Cortisol“. Ausgerechnet in Ditzens Studie unterschied sich das Oxytocin im Blut zwischen den Gruppen nicht. Am Ergebnis ändert das nichts.
Erst wenn der Körper sich beruhigt hat, hat das Gespräch eine Chance. Man muss über den Körper gehen, um dem Verstand das Steuer zurückzugeben. Manche Paare setzen sich deshalb vor einem schwierigen Gespräch kurz hin, atmen gemeinsam dreimal tief durch und sagen sich: Wir lösen jetzt gemeinsam ein Problem, wir besiegen nicht einander. Das klingt banal. Es ist der Versuch, den Rauchmelder zu beruhigen, bevor er anspringt.
Die Lust vom Balkon zurückholen
Bleibt die Frage, die die meisten Paare nach einigen Jahren beschäftigt: Wie hält man das über zehn, zwanzig, dreißig Jahre lebendig, zwischen Job, Rechnungen und vollen Wäschekörben?
Bei Sara und Alex, einem anderen Beispielpaar, zehn Jahre verheiratet, ist es so weit: Die Verliebtheit ist längst ausgezogen, die Lust sitzt meistens gelangweilt auf dem Balkon, und im Wohnzimmer regiert die Organisation: Wer holt die Kinder, wer kauft ein. Die beiden entscheiden sich, nicht auf den nächsten Zufall zu warten. Fünf Minuten am Tag, in denen nicht über Organisatorisches und nicht über die Kinder gesprochen wird, sondern darüber, was einen beschäftigt hat und worüber man sich gefreut hat. Und ein Abend pro Woche, an dem sie etwas tun, was sie noch nie getan haben. Einen Salsakurs zum Beispiel, in dem sie einander auf die Füße treten und sich ein bisschen blamieren.
Das klingt nach Projektmanagement, und dieser Einwand kommt fast immer. Aber Struktur ist hier das Gegenteil von Starre. Sie nimmt die Sorge weg, ob man überhaupt noch Zeit füreinander findet, und schafft damit den Raum, in dem man sich wieder fallen lassen kann.
Warum es ausgerechnet etwas Neues sein soll und nicht der gemütliche Filmabend auf dem Sofa, hat Arthur Aron in einer Reihe von Studien untersucht. 1993 teilte er mit Charlotte Reissman und Michael Bergen 53 Ehepaare für zehn Wochen in Gruppen: Die einen unternahmen jede Woche anderthalb Stunden etwas, das sie selbst aufregend fanden, die anderen etwas Angenehmes, eine dritte Gruppe nichts Besonderes. Die Zufriedenheit mit der Ehe stieg bei den aufregenden Unternehmungen stärker als bei den angenehmen. Im Jahr 2000 zeigte Aron im Labor, dass schon eine siebenminütige ungewohnte, ein wenig aufregende Aufgabe, die ein Paar gemeinsam bewältigt, die erlebte Qualität der Beziehung steigert, gemessen an Fragebögen und an Videoaufnahmen von Gesprächen. Hormone wurden in diesen Studien übrigens nicht gemessen. Arons Erklärung ist psychologisch: Neues erweitert das eigene Selbst, und wer diese Erweiterung mit dem Partner erlebt, verbindet das gute Gefühl mit ihm.
Perel berichtet, dass Menschen sich ihrem Partner oft gerade dann besonders hingezogen fühlen, wenn sie ihn aus etwas Abstand erleben: wenn er ganz in seinem Element ist oder wenn sie sehen, dass andere sich für ihn interessieren. Im Salsakurs sieht Sara ihren Mann für einen Moment so, wie sie ihn zu Hause nicht sieht. Genau dieser kleine Abstand ist es, den die Lust braucht. Was Sara und Alex machen, ist der Versuch, beides zu haben: einen verlässlichen Rahmen, den die Bindung liebt, und darin bewusst etwas Unbekanntes, das die Lust vom Balkon zurückholt.
Und manchmal genügt etwas sehr Kleines. Die Psychologin Sara Algoe hat 2010 gezeigt, dass alltägliche Dankbarkeit wie eine Auffrischungsimpfung für Beziehungen wirkt: Wer an einem Tag die Freundlichkeit des Partners bemerkt und ihm dafür dankbar ist, fühlt sich ihm am nächsten Tag verbundener.
Was bleibt
Liebe ist keine Einzimmerwohnung. Die Verliebtheit zieht ein, macht Lärm und zieht wieder aus, und das muss sie. Die Bindung bleibt, und bei manchen Paaren lädt sie die Verliebtheit noch nach Jahrzehnten regelmäßig zum Essen ein. Die Lust ist die Launischste von allen: Sie bleibt nicht von selbst, aber sie kommt zurück, wenn man ihr etwas Neues bietet. Ob die WG hält, entscheiden weniger der Zufall als der Untermieter im Keller, die Art, wie wir streiten, und die Bereitschaft, gemeinsam Neues zu wagen.
Ich möchte mit einer Frage schließen, die auch am Ende des Podcasts steht. Wenn die Menschen, die wir am meisten lieben, mit der Zeit Teil der Art werden, wie wir auf Stress reagieren, wie wir uns beruhigen und was wir als sicher empfinden: Was machen deine Beziehungen gerade aus dir?
Dieser Text ersetzt keine Paar- oder Psychotherapie. Wenn Konflikte in deiner Beziehung Angst machen oder Gewalt im Spiel ist, hol dir bitte professionelle Unterstützung.
Diesen Essay hören
Als Gespräch: Liebe, Lust und Gehirn: Was Paare langfristig verbindet (24 Minuten).
Kurz beantwortet
Was ist der Unterschied zwischen Lust, Verliebtheit und Bindung?
Nach dem Modell der Anthropologin Helen Fisher (2002) sind es drei getrennte, aber miteinander verbundene Systeme im Gehirn.
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Lust ist vor allem mit Sexualhormonen verbunden und richtet sich auf passende Partner allgemein. Verliebtheit hängt am dopaminreichen Belohnungssystem und richtet sich auf einen bestimmten Menschen. Bindung ist vor allem mit Oxytocin und Vasopressin verbunden und sorgt für Ruhe und Sicherheit. Weil die Systeme getrennt sind, laufen sie nicht immer im Gleichschritt.
Warum lässt die Verliebtheit nach einigen Monaten nach?
Weil sie ein Ausnahmezustand ist, der nicht auf Dauer angelegt ist.
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Das Belohnungssystem, ein hoher Oxytocinwert und ein veränderter Serotonin-Stoffwechsel binden zwei Menschen aneinander, doch auf Dauer würde dieser Zustand Arbeit, Freundschaften und Gesundheit überfordern. Das Nachlassen ist kein Zeichen, dass die Beziehung falsch ist, sondern der Übergang in eine andere Form der Bindung.
Warum lässt die Lust in langen Beziehungen oft nach?
Weil Bindung und Begehren Verschiedenes brauchen.
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Die Paartherapeutin Esther Perel beschreibt, dass Liebe Nähe und Sicherheit sucht, Begehren dagegen etwas Abstand und Unbekanntes. Je vertrauter der Alltag wird, desto weniger bekommt die Lust davon. Gemeinsam erlebte Neuheit schafft diesen Abstand im Kleinen wieder.
Ist Verliebtheit wirklich mit einer Zwangsstörung vergleichbar?
Nur in einem einzigen Messwert. Donatella Marazziti fand 1999 bei frisch Verliebten eine ähnlich niedrige Dichte von Serotonin-Transportern an den Blutplättchen wie bei Menschen mit Zwangsstörung.
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Das passt zum Gedankenkreisen der ersten Monate, macht Verliebtheit aber nicht zu einer Krankheit.
Können Paare nach Jahrzehnten noch so verliebt sein wie am Anfang?
Manche schon. Bianca Acevedo fand 2012 bei Menschen, die im Schnitt 21 Jahre verheiratet waren und sich als intensiv verliebt beschrieben, beim Anblick des Partners dasselbe Belohnungssignal wie bei Frischverliebten, zusätzlich Aktivität in Regionen, die mit Bindung zu tun haben.
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Die Liebe ist bei ihnen nicht schwächer, sondern anders aufgebaut.
Was hilft in einem eskalierenden Streit?
Zuerst den Körper beruhigen, dann reden. Eine vereinbarte Pause von mindestens zwanzig Minuten, wie John Gottman sie empfiehlt, und eine ruhige Berührung senken nachweislich die Stressreaktion.
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Erst danach sind Argumente überhaupt wieder aufnahmefähig.
Warum sollen Paare gemeinsam etwas Neues ausprobieren?
Weil gemeinsam erlebte Neuheit die Beziehungszufriedenheit steigert.
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In Studien von Arthur Aron wirkten schon wenige Minuten einer ungewohnten, leicht aufregenden Aufgabe, und über zehn Wochen hinweg stieg die Ehezufriedenheit bei Paaren mit aufregenden Unternehmungen stärker als bei Paaren mit nur angenehmen.
Wirkt EFT, die Klopftechnik, wirklich?
Gemeint sind hier die Emotional Freedom Techniques, nicht die gleich abgekürzte Emotionsfokussierte Therapie, ein eigenständiges paartherapeutisches Verfahren.
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Die Studienlage zur Klopftechnik ist vorsichtig positiv. Eine Metaanalyse von 2016 über 14 randomisierte Studien fand eine deutliche Verringerung von Angst, auch gegenüber Kontrollgruppen, aber zu wenige Vergleiche mit etablierten Verfahren wie der kognitiven Verhaltenstherapie. EFT ersetzt keine Behandlung.
Literatur
- B. P. Acevedo, A. Aron, H. E. Fisher, L. L. Brown: Neural correlates of long-term intense romantic love. Social Cognitive and Affective Neuroscience 7, Heft 2 (2012), 145-159. https://doi.org/10.1093/scan/nsq092
- S. B. Algoe, S. L. Gable, N. C. Maisel: It's the little things: Everyday gratitude as a booster shot for romantic relationships. Personal Relationships 17, Heft 2 (2010), 217-233. https://doi.org/10.1111/j.1475-6811.2010.01273.x
- A. F. T. Arnsten: Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience 10, Heft 6 (2009), 410-422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
- A. Aron, H. Fisher, D. J. Mashek, G. Strong, H. Li, L. L. Brown: Reward, motivation, and emotion systems associated with early-stage intense romantic love. Journal of Neurophysiology 94, Heft 1 (2005), 327-337. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15928068/
- A. Aron, C. C. Norman, E. N. Aron, C. McKenna, R. E. Heyman: Couples' shared participation in novel and arousing activities and experienced relationship quality. Journal of Personality and Social Psychology 78, Heft 2 (2000), 273-284. https://doi.org/10.1037/0022-3514.78.2.273
- M. Clond: Emotional Freedom Techniques for anxiety: A systematic review with meta-analysis. Journal of Nervous and Mental Disease 204, Heft 5 (2016), 388-395. https://doi.org/10.1097/NMD.0000000000000483
- J. A. Coan, H. S. Schaefer, R. J. Davidson: Lending a hand: Social regulation of the neural response to threat. Psychological Science 17, Heft 12 (2006), 1032-1039. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01832.x
- B. Ditzen, I. D. Neumann, G. Bodenmann, B. von Dawans, R. A. Turner, U. Ehlert, M. Heinrichs: Effects of different kinds of couple interaction on cortisol and heart rate responses to stress in women. Psychoneuroendocrinology 32, Heft 5 (2007), 565-574. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17499441/
- H. E. Fisher, A. Aron, D. Mashek, H. Li, L. L. Brown: Defining the brain systems of lust, romantic attraction, and attachment. Archives of Sexual Behavior 31, Heft 5 (2002), 413-419. https://doi.org/10.1023/A:1019888024255
- The Gottman Institute: How Stress Affects Relationships. (Überflutung und die Pause von mindestens 20 Minuten). https://www.gottman.com/blog/how-stress-affects-relationships/
- J. M. Gottman, N. Silver: The Seven Principles for Making Marriage Work. Crown, 1999 (Dt.: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, Ullstein).
- D. Marazziti, H. S. Akiskal, A. Rossi, G. B. Cassano: Alteration of the platelet serotonin transporter in romantic love. Psychological Medicine 29, Heft 3 (1999), 741-745. https://doi.org/10.1017/s0033291798007946
- E. Perel: Was Liebe braucht. Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen. HarperCollins, 2020. Originalausgabe: Mating in Captivity: Unlocking Erotic Intelligence, 2006.
- E. Perel: The secret to desire in a long-term relationship. 2013 (TED-Vortrag). https://www.ted.com/talks/esther_perel_the_secret_to_desire_in_a_long_term_relationship
- E. Perel: In Long-Term Relationships, When Do You Find Yourself Most Drawn to Your Partner? https://www.estherperel.com/blog/when-are-you-drawn-to-your-partner-in-long-term-relationships
- C. Reissman, A. Aron, M. R. Bergen: Shared activities and marital satisfaction: Causal direction and self-expansion versus boredom. Journal of Social and Personal Relationships 10, Heft 2 (1993), 243-254. https://doi.org/10.1177/026540759301000205
- I. Schneiderman, O. Zagoory-Sharon, J. F. Leckman, R. Feldman: Oxytocin during the initial stages of romantic attachment: Relations to couples' interactive reciprocity. Psychoneuroendocrinology 37, Heft 8 (2012), 1277-1285. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2011.12.021
- D. Werner: Herzklopfen für die Ewigkeit: Der Weg zu dauerhafter Liebe. 2024. https://dirkwernerbooks.com/buecher/B0DDJVX6GQ-de