Transkript

Wie du dich nicht schleichend selbst verlierst

← Zur Folge · 23:42 · 2026-08-25

Automatisch transkribiert (Whisper). Maßgeblich ist die Aufnahme.

Also wenn wir uns im Autoverfahren, dann meldet sich ja heutzutage sofort das Navi. Eine klare künstliche Stimme sagt uns, völlig emotionslos, bitte wenden. Ja, genau. Und es ist unmissverständlich. Wir wissen in der Sekunde, dass wir auf dem falschen Weg sind. Wir korrigieren das Lenkrad und alles ist wieder gut. Wir haben ein sofortiges, sichtbares und vor allem sehr klares Feedbacksystem. Ein System, das unser Gehirn übrigens absolut liebt. Also wir sind geradezu süchtig nach solchen eindeutigen Signalen. Sie nehmen uns nämlich die kognitive Last ab, selbst bewerten zu müssen, ob wir überhaupt noch auf Kurs sind. Richtig. Aber wenn wir uns in unserem eigenen Leben verfahren, also wenn wir von unseren tiefsten Werten, unseren echten Überzeugungen abdriften, dann gibt es diese freundliche Navistimme leider nicht.

Dieser Prozess passiert oft völlig lautlos. Kein Alarm, keine rote Warnleuchte auf dem Armaturenbrett unseres Lebens. Und genau das ist eigentlich die Mission unserer heutigen Tiefenanalyse. Genau, wir schauen uns das heute im Detail an. Ja, wir haben nämlich brandneues Material, ganz frisch aus diesem Monat, August 2026. Das Buch heißt, Wie man sich selbst nicht aufgibt, von Dirk Werner. Und, äh, okay, lass uns das mal auseinandernehmen. Sehr gerne. Wir haben hier einen Text, der behauptet Selbstverlust passiert eben nicht mit einem Knall, sondern ganz leise. Wir wollen heute herausfinden, warum wir uns in einer ohnehin schon lauten Welt oft so schleichend verlieren und vor allem, wie wir unseren inneren Kompass neu kalibrieren können.

Was hier wirklich faszinierend ist, ist der Grundgedanke des Autors, der zielt direkt ins Zentrum der modernen Psychologie. Werner beschreibt diesen Selbstverlust als eine schleichende Entfremdung. Wenn unser alltägliches Handeln und unsere innere Überzeugung dauerhaft auseinanderfallen, dann entsteht eine sogenannte kognitive Dissonanz. Eine Dissonanz, ja. Genau. Unser System versucht verzweifelt zwei widersprüchliche Realitäten aufrecht zu erhalten. Also das, was wir tun und das, was wir eigentlich für richtig halten. Das klingt wahnsinnig anstrengend. Das ist es auch. Das ist ein chronischer Spannungszustand, der uns extrem viel Energie kostet. Er zehrt uns quasi von innen aus und das äußert sich dann in, naja, so diffuser Unruhe, ständiger Reizbarkeit oder eben diesem unheimlichen Gefühl, im eigenen Leben nur noch auf dem Beifahrersitz zu sitzen.

Abstrakt, aber wir prallen damit ja auf eine extrem harte globale Realität. Absolut, ja. Ich frage mich da, warum brennt dieses Thema genau jetzt in unserer heutigen Zeit so unfassbar vielen Menschen unter den Nägeln? Um diese Dringlichkeit zu verstehen, reicht eigentlich schon ein Blick auf die strukturellen Daten der Weltgesundheitsorganisation. Wir sprechen hier schon lange nicht mehr von Einzelschicksalen. Nee, überhaupt nicht. Die WHO hat festgehalten, dass bereits 2019 rund jede achte Mensch weltweit an einer psychologischen Störung Jeder achte? Genau, jeder achte. Und nur zwei Jahre später, also 2021, sprangen diese Zahlen dramatisch in die Höhe auf weit über eine Milliarde Menschen. Wahnsinn. Das ist fast jeder Siebte. Wir haben es hier mit einem massiven strukturellen Phänomen zu tun.

Okay, das heißt, das ist kein individuelles Versagen mehr? Nein, überhaupt nicht. Der permanente Leistungsdruck, die zunehmende soziale Isolation in diesen hochverdichteten Städten und diese ständige durch digitale Medien befeuerte Erreichbarkeit erzeugen ein System, das Konformität fast immer belohnt und Authentizität oft bestraft. Um das mal von diesen riesigen, schwer greifbaren globalen Zahlen auf ein echtes menschliches Level zu holen. Das Buch schildert eine Geschichte, die mich beim Lesen unserer heutigen Quellen wirklich gepackt hat. Es geht um Miriam. Ja, die Geschichte von Miriam ist sehr eindrücklich. Miriam ist 48 Jahre alt und leitet die Notaufnahme eines städtischen Krankenhauses.

Man stellt sich so eine Frau ja als extrem taff vor, krisenerprobt, jemand, der einfach funktioniert. Eine absolute Macherin, ja? Richtig. Und dann scheitern in einer einzigen Schicht zwei Reanimationen. Miriam geht danach zu ihrem Auto, es ist vier Uhr morgen, sie setzt sich auf den Fahrersitz und sie kann den Schlüssel nicht drehen. Sie friert quasi ein. Ja, die Hand geheucht einfach nicht. Sie bricht in dem Moment nicht dramatisch zusammen, sie kündigt auch nicht am nächsten Tag ihren Job, aber etwas in ihrem inneren Getriebe stockt. Und was sie dann tut, ist bemerkenswert. Sie beginnt ein Ritual. Genau, dieses abendliche Ritual. Ja. Nach jeder Schicht nimmt sie ein kleines Ringbuch und schreibt genau einen einzigen Satz auf.

Sie notiert lediglich, was heute nicht in ihrer Hand lag. Und das ist eine unglaublich kraftvolle Strategie. Sie versucht in diesem Moment nämlich nicht eine brutale Realität einfach emotional wegzulächeln. Sie grenzt stattdessen ganz nüchtern ihren eigenen realen Verantwortungsbereich von dem ab, was sie ohnehin nicht kontrollieren kann. Psychologisch gesehen entzieht sie der Hilflosigkeit damit komplett den Nährboden. Das ist wie ein Autoreifen, der nicht einfach mit einem lauten Knall auf der Autobahn platzt, sondern der über Jahre hinweg ganz schleichend Luft verliert. Jeden Tag ein winziges bisschen. Ein tolles Bild, ja. Man merkt es beim Fahren kaum, man kompensiert, man lenkt vielleicht ein bisschen gegen, bis man irgendwann nur noch auf der harten Felge über den Asphalt kratzt. Und ich glaube diesen 4 Uhr morgens im Automoment, den kennen wir alle in irgendeiner Form. Absolut. Man sitzt da und der Motor ist aus. Wie erkennen wir diesen Druck denn, bevor wir auf der Felge fahren?

Weil die Welt sagt uns ja in solchen Momenten oft einfach, ach komm, Kopf hoch, denk einfach positiv. Ja? Und da berührst du einen der gefährlichsten Ratschläge der modernen Poppsychologie. Ja, Moment mal, hier muss ich wirklich reingerätschen. Wenn ich in einem völlig toxischen Job feststecke oder mich heillos überlastet fühle, soll ich dann laut solchen Ratgebern einfach abends drei positive Dinge in ein hübsches kleines Tagebuch schreiben und schwupps, ist die Welt wieder in Ordnung? Das ist genau das Problem, ja. Klingt für mich nach extrem toxischer Positivität. Das ist doch eine Verdrängung. Das Faszinierende an der Quellenlage ist ja, wie scharf der Autor genau hier trennt. Er warnt explizit vor dieser erzwungenen Positivität.

Okay, Gott sei Dank. Wenn wir uns zwingen, belastende, unfaire Umstände einfach nur als spannende Herausforderungen umzudeuten, obwohl wir innerlich massiv leiden, verstärken wir diese kognitive Dissonanz nur noch. Wir gäsleiten uns gewissermaßen selbst. Wir lügen uns also quasi selbst in die Tasche. Genau. Und das raubt uns langfristig jegliche Resilienz, weil wir unsere eigenen, überlebenswichtigen Warnsignale unterdrücken. Der Gegenentwurf dazu ist der realistische Optimismus. Und der basiert auf kognitiver Umstrukturierung. Ok. Kognitive Umstrukturierung klingt jetzt sehr nach Lehrbuch. Was genau bedeutet das im Alltag? Das heißt ja offensichtlich nicht, dass ich mir einen Alles-wird-gut-auf-Kleber über den brennenden Motor klebe.

Nein, absolut nicht. Es bedeutet im Grunde, dass wir unserem Gehirn aktiv beibringen, das Gesamtbild zu betrachten. Also den Schatten zu akzeptieren, aber eben auch das Licht nicht auszublenden. Wir verleugnen den Schmerz nicht, wir ordnen ihn nur in einen größeren Kontext ein. Nehmen wir mal die bekannte Forschung von Martin Seligman. Oh ja, die ist spannend. Er ließ Teilnehmende eine Woche lang abends drei gelungene Dinge des Tages notieren. Monate später hatten diese Personen eine messbar geringere depressive Symptombelastung. Aber warte, das klingt jetzt doch wieder wie dieses Denk-einfach-positiv-Tagebuch, das ich eben kritisiert habe. Wo ist da der Unterschied? Der entscheidende Mechanismus hier ist eben nicht die Unterdrückung von negativen Emotionen.

Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, Gefahren und Negatives überproportional stark wahrzunehmen. Das hat uns früher in der Steppe das Leben gerettet. Klar, der Säbelzahntiger war wichtiger als der schöne Sonnenuntergang. Exakt. Seligmans Übung trainiert das Gehirn lediglich darauf, das Gelungene überhaupt wieder bemerken zu können. Es geht um eine Erweiterung der Wahrnehmung, nicht um eine Einschränkung. Das Negative darf da bleiben. Es dominiert nur nicht mehr alles. Ah, ok. Das heißt, um bei Miriam aus unserem Beispiel zu bleiben, ich leutne die gescheiterte Reanimation nicht, der Schmerz darf und muss da sein, aber ich übersee eben auch nicht das aufmundernde Lächeln der Kollegin in der Pause. Beides darf gleichzeitig existieren.

Ganz genau. Und die Forschung von Kristin Neff zur Selbstmitgefühlspraxis greift genau da ein. Das Lächeln zu bemerken oder freundlich mit sich selbst zu sprechen, verändert paradoxerweise unsere Stresschemie. Wirklich unsere körperliche Chemie? Ja. Nefs Daten zeigen, dass Menschen, die in Krisen so mit sich selbst reden wie mit einem guten Freund, nicht nur weniger Selbstverwürfe haben, sondern messbar weniger Ängste produzieren. Es geht um das tiefe Annehmen unserer menschlichen Unvollkommenheit. Das ist ein so vertrautes und doch so erschreckendes Bild. Wenn ich darüber nachdenke, in welchem Tonfall ich manchmal in Gedanken mit mir selbst rede, du Idiot, wie konntest du das Meeting schon wieder so vermasseln?

Genau diese innere Stimme meine ich. So würde ich doch niemals unter gar keinen Umständen mit einem guten Freund sprechen. Dieser innere Kritiker feuert aus alten, tief verankerten neuronalen Mustern. Das Großartige ist jedoch, wir können diese Muster physisch, also anatomisch, verändern. Anatomisch. Das heißt, das Gehirn formt sich um? Ja, die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel hat in Studien zu achtsamkeitsbasierter Stressreduktion, dem MBSR-Programm, gezeigt, dass sich schon nach acht Wochen Training die Struktur in unserem Gehirn verändert. Speziell die Amygdala, unser Angst- und Stresszentrum, reagiert anders. Okay, kannst du das ein bisschen greifbarer machen? Was passiert da genau in der Amygdala?

Stell dir vor, deine automatischen Reaktionen auf Stress sind wie ein alter Trampelpfad im tiefen Schnee. Okay. Weil du ihn so oft gegangen bist, ist er extrem breit und fest getreten. Wenn Stress kommt, rutscht dein Gehirn sofort auf diesen Weg. Also Kampf, Flucht oder Erstarrung. Man rutscht einfach in die alte Rille rein. Genau. Achtsamkeitstraining schaufelt nun gewissermaßen einen neuen, anfänglich sehr mühsamen Weg durch den Schnee frei. Mit der Zeit wird die Amygdala weniger reaktiv, der Reiz kommt, aber wir müssen nicht mehr sofort auf den alten Pfad abbiegen. Wir vergrößern den Raum zwischen dem Auslöser und unserer Reaktion. Wow! Hier wird's richtig spannend, weil das bedeutet, dass wir unserer Biologie eben nicht hilflos ausgeliefert sind. Wir haben den Spaten selbst in der Hand. Absolut.

Aber, und hier kommt mein großes Aber. Wenn wir das auf eine größere Ebene heben, existieren wir ja nicht in einem luftleeren Raum selbst wenn meine amigdala super entspannt ist und ich da fleißig neue wege im schnee geschaufelt habe ich pralle doch morgens trotzdem auf die harte realität gesellschaftlicher normen auf mein team auf meinen chef auf diesen enormen druck dazu zu gehören das ist ein extrem wichtiger punkt die interaktion zwischen unserem inneren zustand und der äußeren Umgebung ist der kritische Flaschenhals. Die Harvard-Professorin Amy Edmondson hat dafür das Konzept der psychologischen Sicherheit geprägt. Psychologische Sicherheit. Was genau bedeutet das im Arbeitsalltag? In einer Feldstudie mit über 51 Arbeitsteams stellte sie fest, dass Gruppen, in denen offener Widerspruch geäußert werden darf, in denen man ganz offen Fehler zugeben kann, paradoxerweise wesentlich effizienter und erfolgreicher sind. Sie lernen einfach mehr.

Und da, wo das nicht der Fall ist? Wo Konformitätsdruck herrscht, da werden Fehler aus Angst vertuscht. Das zerstört auf Dauer nicht nur den Einzelnen, sondern die kollektive Intelligenz der gesamten Gruppe. Okay, wenn das schon im kleinen Konferenzraum eines Büros so schwer ist, was passiert dann bitte auf gesellschaftlicher Ebene? Wir leben ja in riesigen hypervernetzten Metropolen, in denen unzählige Erwartungen aufeinandertreffen. Die demografische Realität zwingt uns dazu, Identität völlig neu zu verhandeln. Nehmen wir mal die Daten aus dem Buch. In einer Stadt wie Toronto sind mittlerweile fast die Hälfte der Einwohner im Ausland geboren. In Berlin haben weit über 40 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund.

Das bedeutet, Millionen von Menschen navigieren tagtäglich durch völlig unterschiedliche kulturelle Regelsysteme und Erwartungshaltungen. Warte mal kurz. Führt so eine Zersplitterung der Identität nicht zwangsläufig zu noch mehr kognitiver Dissonanz, wenn ich vormittags den Erwartungen meiner traditionellen Familie gerecht werden muss und nachmittags in einem extrem hippen Start-up arbeite? Wie kann man denn in zwei Kulturen gleichzeitig authentisch sein, ohne komplett den Verstand zu verlieren? Das ist exakt der Konflikt, den viele erleben, solange sie versuchen, ein Chameleon zu sein. Ein Chameleon? Ja. Ein Chamäleon passt seine Farbe ständig der direkten Umgebung an. Das kostet unglaublich viel emotionale Energie und führt genau zu der Erschöpfung, die du gerade ansprichst.

Ja, das leuchtet ein. Man verstellt sich permanent. Die psychologische Forschung zeigt jedoch einen ganz anderen Weg. Groß angelegte Meta-Analysen von Nguyen und Benet-Martínez belegen, dass Menschen, die eine bikulturelle Identität ausbilden, wesentlich resilienter sind. Wie machen die das dann, wenn nicht als Chamäleon? Sie sind kein Chamäleon. Sie sind eher wie ein Mosaik. Sie integrieren Werte aus beiden Welten zu einem neuen, eigenen Bild, anstatt sich permanent situativ anzupassen. Sie besitzen eine viel höhere kognitive Flexibilität. Das ist ein tolles Bild. Das Mosaik anstatt das Chamäleon. Und auch gesellschaftlich gesehen haben Forscher wie Pettigrew und Tropp Daten von über einer Viertelmillion Menschen ausgewertet.

Das Ergebnis ist glasklar. Der bloße, unvoreingenommene Kontakt zwischen verschiedenen Gruppen verringert messbar Vorurteile und erhöht unsere kollektive Empathiefähigkeit. Das ist faszinierend. Soziale Bindungen, egal ob über Kulturgrenzen hinweg oder im engsten, vertrauten Freundeskreis, sind demnach überhaupt kein weicher Wohlfühlfaktor? Nein, im Gegenteil. Quellen zitieren hier eine gigantische Auswertung Forscherin Julianne Holt-Lunstad. Sie hat Daten von Hunderttausenden von Menschen analysiert. Und das Ergebnis hat mich wirklich umgehauen. Das ist enorm, ja? Starke soziale Bindungen erhöhen unsere Überlebenswahrscheinlichkeit um rund 50 Prozent. 50 Prozent. Das ist ein Effekt, der vergleichbar damit ist, ob jemand Kettenraucher ist oder nicht.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Dieser Effekt lässt sich neurobiologisch auch sehr präzise erklären. Wir sind Säugetiere. Unser Nervensystem ist nicht darauf ausgelegt, Stress permanent isoliert zu bewältigen. Es kalibriert sich an anderen Menschen. Das nennt man Korregulation. Wenn wir mit jemandem zusammen sind, bei dem wir keine Maske tragen müssen, bei dem wir absolut wir selbst sein dürfen, dann sinkt unser Cortisol-Spiegel, der Blutdruck geht runter, das Herz-Kreislauf-System entspannt sich, die pure Authentizität im Kontakt mit anderen ist buchstäblich lebensverlängernd. Wahnsinn! So, wir haben jetzt die Ursachen beleuchtet, wir kennen den Druck der äußeren Konformität und wir haben die biologischen Mechanismen verstanden. Aber was machen wir jetzt damit auf dem Asphalt? Was kann jemand, der uns jetzt gerade zuhört, morgen früh ganz konkret tun? Das Buch liefert in Kapitel 9 einen echten Werkzeugkasten mit fünf praktischen Strategien. Genau, die sollten wir uns ansehen. Lass uns da mal richtig reingehen, weil das in der Theorie ja immer leichter klingt als in der Praxis. Ich fange an mit Übung Nummer eins, die drei Minuten Bestandsaufnahme.

Erste Schritt um diesen Autopiloten zu deaktivieren. Das Prinzip klingt so simpel, hat es aber echt in sich. Man benennt den Stichworten, was fühle ich? Woran merke ich das im Körper? Was war der Auslöser? Das extrem schwierige daran ist, man darf nur Wahrnehmungen notieren, keine Bewertungen. Und das ist der Knackpunkt. Ja und da merkt man erst mal, wie verdammt schwer das ist. Statt zu sagen, ich bin gestresst, mein Nacken ist hart, weil die Mail vom Chef kam, rutscht man ja sofort ab in, ich bin so schlecht organisiert, ich kriege das Projekt niemals hin, ich bin ein Versager. Diese radikale Trennung von Wahrnehmung und Bewertung ist die praktische Umsetzung unseres Schneefades, den wir vorhin besprochen haben.

Stimmt. Sobald wir werten, sind wir wieder im alten Muster. Wenn wir nur beobachten, entziehen wir der Stressreaktion die emotionale Dramatik. Strategie Nummer zwei geht dann direkt in unsere sozialen Verpflichtungen. Die Ja-Nein-Liste. Die Ja-Nein-Liste. Genau. Man notiert alle Zusagen einer Woche und markiert ehrlich, welche aus tiefer Überzeugung kamen und welche nur aus der Angst vor Konflikten. Oh ja. Also als jemand, der durchaus handfeste Tendenzen zum People-pleaser hat, tat diese Übung beim Lesen fast schon körperlich weh. Das glaube ich gern. Wenn du auf dem Papier siehst, dass du den Sonntagsausflug mit den Schwiegereltern oder das Zusatzprojekt im Büro nur zugesagt hast, weil du gemocht werden willst, obwohl dein Körper eigentlich nach Schlaf schreit, das ist genau diese Dissonanz.

Die Übung verlangt dann, in der Erfolgewoche einmal ganz bewusst Nein zu sagen. Ja. Ein kleines, trainiertes Nein, um den Muskel aufzubauen. Der Körper wird sich bei diesem Nein anfangs extrem wehren, weil er es evolutionär als soziales Risiko einstuft. Das muss man aushalten lernen. Puh, okay. Werkzeug Nummer drei ist die Methode 10 Zeilen ungeschönt. Das basiert auf James Pennebakers Forschung zum expressiven Schreiben. Ah, das expressive Schreiben, ja. Die Aufgabe lautet, an drei Abenden hintereinander 10 Zeilen über den Tag schreiben. die eiserne Regel dabei lautet, absolut unredigiert. Keine Grammatik, keine Struktur und vor allem darf kein einziges Wort durchgestrichen werden. Und genau da sitzt auch der innere Zensor auf der Schulter und schreit, das kannst du dir doch so nicht aufschreiben, das klingt ja total gehässig oder egoistisch, aber wer durchstreicht, verhandelt ja schon wieder in seinem Kopf mit den Erwartungen der Außenwelt.

Ganz genau. Warum ist dieses ungefilterte Aufschreiben so wichtig? Weil es den Arbeitsspeicher unseres Gehirns leert. leert. Dinge, die wir nur denken, kreisen endlos in Schleifen, weil das Gehirn Angst hat, sie zu vergessen. Ah, wie so Hintergrundprogramme am Computer, die den Akku leer saugen. Perfekter Vergleich. Sobald sie physisch auf dem Papier stehen, also ungefiltert und roh, kann das Gehirn den Prozess endlich abschließen. Die emotionale Ladung sinkt drastisch. Und das bringt uns zu Werkzeug 4. Der Wochenrückblick. Genau, der Wochenrückblick in drei Fragen. 1. Wo habe ich diese Woche gegen meine Überzeugung gehandelt? 2. Wo bin ich mir treu geblieben, auch wenn es vielleicht unbequem war?

Und 3. Was davon möchte ich nächste Woche wiederholen? Wie vermeide ich denn hier, dass mich das komplett frustriert? Wenn ich merke, ich habe mich diese Woche fünfmal selbst verraten, dann ziehe ich mich doch nur wieder runter. Indem du es als das betrachtest, was wir ganz am Anfang besprochen haben. Als Navigationsdaten. Es geht um Kurskorrektur, nicht um Selbstgeißelung. Ein Pilot wertet Windabweichungen ja auch nicht als persönliches Versagen, sondern einfach als nötige Information zum Gegenlenken. Ein super Bild. Und dann kommt mein persönlicher Respektentgegner. Werkzeug Nummer 5. Die eine Frage an drei Menschen. Man fragt drei unterschiedliche Leute aus seinem Leben exakt dasselbe. Wann wirke ich auf dich am meisten wie ich selbst?

Ich finde das furchteinflößend. Es kostet Überwindung. Definitiv. Was, wenn die mir etwas sagen, das ich gar nicht hören will? Was, wenn ich denke, ich bin am authentischen, wenn ich kluge Ratschläge verteile und meine Freunde sagen mir, ne, am authentischen bist du, wenn du beim Kochen schlechte Witze erzählst. Aber das ist doch der Kern der Übung. Sie demaskiert unseren blinden Fleck. Wir verwechseln so oft die Masken, die wir uns mühsam erarbeitet haben, mit unserem wahren Gesicht. Krass, ja. Feedback von wohlwollenden Menschen, kalibriert unser Selbstbild neu und nimmt uns den enormen Druck, ständig eine professionelle oder perfekte Fassade aufrechterhalten zu müssen. Ok, also was bedeutet das alles für uns unterm Strich?

Sich selbst treu zu bleiben ist offensichtlich kein finaler Zustand. Nein! Es gibt kein Diplom, das man sich an die Wand hängt, auf dem steht Herzlichen Gölgwonsch ab heute zu 100% authentisch. Es ist eine ständige, oft sehr leise Praxis. Es sind diese kleinen täglichen Korrekturen am Lenkrad. Genau. Es geht nicht darum, nach außen hart und unnachgiebig aufzutreten, so nach dem Motto – ich bin halt so. Es geht darum, weich und verständnisvoll zu sich selbst zu sein, aber glasklar in seinen Werten. Und wenn wir all diese Daten, die Studien, die neurologischen Mechanismen und auch diese persönlichen Geschichten in einen Raum stellen, dann drängt sich am Ende eine faszinierende, aber vielleicht auch etwas provokante Frage auf.

Ich bin gespannt. Wir neigen in unserer Leistungsgesellschaft extrem dazu, Selbstzweifel als einen Defekt zu betrachten. Ja total. Als einen Fehler in unserem System, den wir wegoptimieren müssen. Aber was wenn diese quälenden inneren Stimmen, diese ständige Angst nicht zu genügen, dieser zermürbende soziale Anpassungsdruck in Wahrheit ein brillantes, hochkomplexes, evolutionäres Programm aus unserer eigenen Kindheit sind? Wie meinst du das? Ein Code, den wir damals geschrieben haben, weil Konformität uns in unserer Herkunftsfamilie oder Schulklasse Zugehörigkeit, Liebe und damit buchstäblich das Überleben gesichert hat. Die Provokation für uns heute lautet also, wir sind nicht kaputt, wenn wir uns anpassen oder an uns zweifeln. Unser inneres System funktioniert exakt so fehlerfrei, wie es damals programmiert wurde. Es führt treu seinen Code aus. Wahnsinn. Die wahre Freiheit beginnt erst in dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir heute als Erwachsene endlich die Administratorenrechte besitzen, um diesen alten Code Zeile für Zeile umzuschreiben. Das ist ein gewaltiger Gedanke, wir haben die Administratorenrechte. Wir müssen nicht weiter mit einem Navigationssystem herumfahren, das uns immer wieder in die exakt gleichen Sackgassen lotst, nur weil die Software seit 20 Jahren kein Update mehr bekommen hat. Exakt. Wir können das Update selbst aufspielen durch kleine Schritte im Alltag. Denkt an Miriam in ihrem Auto, Nachts um 4.

Manchmal reicht schon ein einziger, ehrlicher Satz auf einem Stück Papier, um den Schlüssel im Zündschloss wieder drehen zu können. Nehmt diesen Gedanken mit, probiert diese Woche vielleicht wirklich mal eine dieser Übungen aus, traut euch neue Wege im Schnee zu schaufeln und schaut mal was passiert.